erstellt von Johannes Süßmann

Beten, feiern, debattieren

Gebete, Tanz, Musik – und Weltpolitik: Die vielen globalen Krisen und Konflikte prägen auch das Programm des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Stuttgart. Unter dem Motto „damit wir klug werden“ bietet das Protestantentreffen von 3. bis 7. Juni über 2.500 Veranstaltungen, darunter Gottesdienste, Vorträge und Diskussionsrunden. Kirchentag-Generalsekretärin Ellen Ueberschär schreibt in ihrem Vorwort des 620 Seiten starken Programmbüchleins, die Losung ermuntere auch zu protestantischer Selbstkritik: „Wir sind nicht klug. Wir können es gemeinsam werden.“ Zu den fünf Tagen werden rund 100 000 Dauerteilnehmer erwartet.

Programmheft zum Kirchentag Stuttgart

Mit drei großen Freiluftgottesdiensten wird der Kirchentag am frühen Abend des 3. Juni offiziell eröffnet. Zur zentralen Veranstaltung auf dem Schlossplatz laden Kirchentagspräsident Andreas Barner und der Bischof der gastgebenden Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Frank Otfried July. Zur gleichen Zeit werden auf dem Rotebühlplatz ein ökumenischer und auf dem Marktplatz ein barrierefreier Gottesdienst in leichter Sprache gefeiert.


Es folgt der traditionelle „Abend der Begegnung“, zu dem 250 000 Besucher erwartet werden: Rund um den Schlossplatz gestalten Tausende Teilnehmer ein gigantisches Straßenfest mit Musik und Folklore. Gemeinden und Institutionen der badischen und der württembergischen Landeskirche geben hier einen Einblick in ihre Besonderheiten – nicht zuletzt kulinarischer Art: Auf den Tisch kommen Maultaschen, Spätzle und Hefezopf.

 
Jeden Vormittag stehen als ein Herzstück jedes Kirchentags die Bibelarbeiten auf dem Programm – am Donnerstag zunächst unter dem Motto „Klug handeln – mit dem Mammon?“ Vertreten sind unter anderem die Bundesminister Thomas de Maizière, Wolfgang Schäuble (beide CDU), Andrea Nahles sowie Manuela Schwesig (beide SPD), aber auch die Reformationsbotschafterin Margot Käßmann und EU-Parlamentarier Sven Giegold (Grüne). Tags darauf bieten unter anderem der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, und Altbundespräsident Christian Wulff Bibelarbeiten an.


Prominente Politiker statten dem Protestantentreffen regelmäßig einen Besuch ab. Bundespräsident Joachim Gauck wird mit dem Politologen Hartmut Rosa über das Zusammenspiel von Politik und Gesellschaft diskutieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) widmet sich der Frage „Digital und klug? Wie wir Wirtschaft und Gesellschaft gestalten“.

Plakat Kirchentag Stuttgart

Ein zentrales Thema ist die Entwicklungspolitik. Dazu haben der indische Kinderrechtler und Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi, Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan und die Präsidentin des evangelischen Hilfswerks „Brot für die Welt“, Cornelia Füllkrug-Weitzel, ihr Kommen abgekündigt. Angesichts der Fülle an Programmpunkten sagte Kirchentagspräsident Barner dem Evangelischen Pressedienst (epd): „Die Vielfalt ist faszinierend, und ich bin traurig, dass es nicht 30 Wochen Kirchentag am Stück gibt, um alles mitzuerleben.“


Auch der 500. Jahrestag der Reformation in zwei Jahren wirft in Stuttgart bereits seine Schatten voraus. Käßmann und der Berliner Landesbischof Markus Dröge wollen berichten, worauf sich nicht nur Protestanten im Jubiläumsjahr 2017 freuen können. Der ehemalige CDU-Bundesminister und Jesuit Heiner Geißler sucht derweil Antworten auf die Frage „Was müsste Luther heute sagen?“


Wie gewohnt bietet der Kirchentag auch reichlich Raum für Kultur. Das beinahe obligatorische Popkonzert der „Wise Guys“ steigt am Donnerstagabend auf dem Cannstatter Wasen. Daneben sind – neben jiddischen Klezmer-Klängen, japanischen Haiku-Liedern und Theatervorführungen – vor allem zahlreiche Orgelkonzerte und Auftritte von Chören und Bläserensembles geplant.


Am Sonntagmorgen endet der Kirchentag mit dem Schlussgottesdienst zu König Salomos Traum vom „hörenden Herzen“ – „damit wir klug werden“: Auch die Schlussfeier bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Reichtum, Dankbarkeit, Verantwortung und Herausforderungen.

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