erstellt von epd, r2017

Das Alte Gefängnis in Wittenberg öffnet die Pforten zu Luther und die Avantgarde

Zwei Jahre lang hat das Team der Ausstellung "Luther und die Avantgarde" auf diesen Tag hingearbeitet: In einem ehemaligen Gefängnis zeigen 66 Künstler ab 19. Mai ihren Umgang mit Themen, die schon den Reformator Martin Luther 1517 umgetrieben haben.

 

Auf dem Weg zum Alten Gefängnis am Westrand der Wittenberger Altstadt fallen die plakatierten Litfasssäulen auf. Darauf sind Verschmelzungen jugendlicher Körper mit Fotos bekannter Menschen zu sehen: Rosa Luxemburg, Simone de Beauvoir, Oskar Schindler. "Resistance", Widerstand bedeuten sie, aus der Perspektive von jungen Menschen, die Johanna Reich in zehn deutschen Städten zu ihren Vorbildern befragt hat. Vor dem Hofportal zum Gefängnis dann eine lebendige Frau in Schwarz auf einem schwindelnd hohen Pfeiler aus Holz. Ein Versuch der Russin Olya Kroytor, Stabilitätssuche in einer sich stets wandelnden Wirklichkeit auszudrücken, heißt es auf einer Erklärtafel.

Eröffnung der Kunstausstellung

"Unsere 66 internationalen Künstler haben diesen Negativort zu einem Ort der Kunst gemacht, an den man gerne geht", sagt der Sprecher des sechsköpfigen Kuratoriums, Walter Smerling, am Donnerstag - einen Tag vor der Eröffnung der Kunstschau "Luther und die Avantgarde" für Besucher. Smerlings Kollegin Susanne Kleine von der Bundeskunsthalle in Bonn betont "das große und wunderbare Angebot der Künstler, Themen wie Innovation, Digitalisierung oder Reformation unter neuen Aspekten zu durchdenken".

 

Martin Luther war im 16. Jahrhundert in soziokultureller Hinsicht ein Avantgardist, sagt Smerling. Der Mönch und Reformator habe Wesentliches verändert, hatte eine Vorreiterrolle. Die Ausstellung am Ausgangsort der Reformationsbewegung von 1517 frage danach, wer 2017 die Menschen sind, die vorausgehen. Auch Künstler ohne religiösen Hintergrund hätten sich von Luthers Gedanken zur individuellen Freiheit oder zu den herrschenden Machtsystemen beeindruckt gezeigt und "unterschiedliche Herangehensweisen an Probleme gefunden, die uns alle angehen", sagte die Kunsthistorikerin Dan Xu, die als Kuratorin unter anderen die Künstler aus dem asiatischen Raum begleitete.

 

Anfang März hatte die künstlerische Gestaltung der Ausstellungsräume begonnen. Den ersten Pinselstrich machte noch am selben Tag der deutsche bildende Künstler und Atheist Jörg Herold. In seine hellblau gefärbte Zelle ritzte er die "99 schönsten Namen Allahs", um damit seinem Wunsch nach Erkenntnisgewinn Ausdruck zu verleihen. Aber eben auch auf dem Terrain um das Gefängnis herum sind Installationen zu entdecken, wie ein Mosaik aus verschiedenfarbigen Steinplatten von Achim Mohné. Von oben sollen Satellitensysteme und somit die Navigationssysteme im Internet das verpixelte Bild des amerikanischer Whistleblowers Edward Snowden aufnehmen.

 

Der Großteil der Arbeiten von Meistern der Kunstszene wie Ai Weiwei, Richard Jackson, Ayse Erkmen oder Erwin Wurm ist nach Angaben des Kuratoriums eigens für den Ort und Zweck geschaffen worden. Das Alte Gefängnis aus dem Jahr 1900 wurde dazu nach einigen Jahrzehnten des Leerstandes saniert, sagt Smerling. "Alle Werke, die wir hier präsentieren, haben in diesen Zellen eine ganz andere Intensität und Dimension als in üblichen Ausstellungsräumen", so der Kurator.

 

Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) vergleicht das Gefängnis mit einem "schwarzen Loch, das in der Vergangenheit Menschen verschluckte, um sie nach einiger Zeit als bessere Menschen wieder auszuspucken". Indem man den Ort nun öffentlich macht, gebe man ihm Seele und Leben zurück, so der Wittenberger.

Altes Gefängnis

Zur offiziellen Eröffnungsfeier am Abend wurden Prominente aus Kirche, Kunst und Politik erwartet, darunter Bundestagspräsident Norbert Lammert, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (beide CDU), der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, Oberbürgermeister Zugehör sowie die Kuratoren und zahlreiche Zellenkünstler. Im Beitrag Bedford-Strohms für den Ausstellungskatalog heißt es: "Die revolutionäre Chance der Kunst liegt in ihrer Möglichkeit, anders zu sein. (...) Sie kann Mauern öffnen, indem sie mit unseren Sehgewohnheiten bricht."

 

"Luther und die Avantgarde" ist Teil der Opens external link in new windowWeltausstellung Reformation zum 500. Reformationsjubiläum und läuft vom 19. Mai bis 17. September. Im Reformationssommer 2017 ist die Kunstschau eine von vier Attraktionen, die an allen Wochentagen geöffnet ist. Zwei Außenstellen in der Berliner Matthäus-Kirche und der Karlskirche in Kassel sind ebenfalls Teil des Projektes. Ausgewählt wurden die Exponate von einem internationalen Kuratorenteam, zu dem Kay Heymer, Susanne Kleine, Dimitri Ozerkov, Peter Weibel, Dan Xu und Walter Smerling gehören. Die EKD ermöglichte die Ausstellung finanziell.