erstellt von r2017

Ein großes Experiment ist gelungen

Die Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Reformationsjubiläum, Margot Käßmann, zieht Bilanz:

 

Wenn in diesen Tagen die Weltausstellung Reformation zu Ende geht, blicken wir zurück auf ein großes Experiment. 16 Wochen lang wurde die Stadt Wittenberg selbst zum Ausstellungsgelände. In den Wallanlagen rund um die historischen Stätten der Reformation gab es Gelegenheit, nicht nur historisch zurück zu schauen, sondern zu fragen, was unser Glaube für Kirche und Gesellschaft heute bedeutet. Das war ein sehr neues Format und es ist in großen Teilen gelungen. Das will ich an sechs Punkten festmachen:

Kardinal Kasper

1. Uns lag daran, das Reformationsjubiläum ökumenisch auszurichten. Das ist gelungen.

In seinem Vortrag in der Themenwoche Ökumene sagte Kardinal Kaspar in der Exerzierhalle: "Das Reformationsjubiläum ist ein ökumenischer Kairos." Das ist eine Ermutigung, die zeigt: Wir haben nicht gegen andere, sondern mit anderen gefeiert. Römische Katholiken, aber auch Reformierte, Orthodoxe, Mennoniten, Baptisten waren aktiv beteiligt. Sie haben sich präsentiert in eigenen Räumen, mit täglichen Mittagsgebeten im Christuszelt und durch die Beteiligung an den inhaltlichen Veranstaltungen. Das war neu und ermutigend für die zukünftigen ökumenischen Gespräche und Beziehungen.

Ein internationaler Treffpunkt 

2. Erstmals war ein Reformationsjubiläum weltoffen, international, dialogorientiert.

Gäste aus aller Welt waren in diesem Sommer bei der Weltausstellung. Als Beispiel nenne ich die isländische lutherische Kirche. 80 ihrer 140 Pastorinnen und Pastoren waren dabei und haben Impulse mit nach Hause genommen. Zu sehen war das auch im Gasthaus Ökumene, wo jede Woche drei Kirchen aus anderen Ländern ihr Gemeindeleben präsentiert haben. Das weist nach vorn: Wir leben unser Christsein nicht länger in nationaler Einengung, sondern in globalem Horizont.

Jugendcamp  

3. Viele junge Leute, eine Generation 2017 war aktiv beteiligt.

Tausende von Konfirmandinnen und Konfirmanden, 4200 Pfadfinderinnen und Pfadfinder sowie Volunteers und junge Mitarbeitende werden die Erfahrung des Reformationssommers mitnehmen. Sie werden unsere Kirche damit prägen in Zukunft. Der youngPOINTreformation hat dafür eine besondere Rolle gespielt. Einen besonderen Bildungsimpuls hat die Summer School gesetzt. Studierende aus aller Welt und aller Begabtenförderungswerke Deutschlands haben sie gestaltet. Das hat den reformatorischen Bildungsgedanken auf neue Weise umgesetzt. Dazu zählt auch der 500schools day, bei dem evangelische Schulen und Hochschulen aus aller Welt ein globales pädagogisches Netzwerk gegründet haben. Das ist zukunftsweisend.

Hinweisschild für den Garten des Reformationsjubiläums 

4. Wir haben intensiv diskutiert, wie wir Kirche und Welt verändern.

Unter den vielen Diskussionen will ich den Dialog der Religionen herausgreifen. In der Themenwoche gab es gute Gespräche in vertrauensvoller Atmosphäre über Differenzen und Herausforderungen. Und es ist gelungen, im House of One auf je eigene Weise Gottesdienst zu feiern, bei dem die Angehörigen anderer Religion mit Respekt anwesend sein konnten. Hier wurde eine Möglichkeit erprobt, nicht übereinander, sondern miteinander zu reden. Von diesen Erfahrungen werden wir in Zukunft profitieren.

Torraum Spiritualität auf dem Bunkerberg 

5. Evangelische Spiritualität hat ihre Wirkung entfaltet.

Wer erlebt hat, wie der Abendsegen auf dem Marktplatz immer mehr Menschen angezogen hat, konnte beobachten, dass spirituelle Formen auch heute eigene Kraft entfalten. Das war ebenso im Torraum Spiritualität auf dem Bunkerberg. Das ist eine Ermutigung, solche Orte der Entschleunigung, des Kraftschöpfens in Zukunft auch an ganz anderen Orten öffentlich anzubieten.

Luther und die Avantgarde 

6. Das Kulturprogramm hat viele besonders angezogen.

Das asisi Panorama war eine Hauptattraktion der Weltausstellung. Aber auch die vielen Konzerte waren ein Renner, ebenso die Kunstausstellung "Luther und die Avantgarde". Das zeigt: Evangelische Kirche kann Kultur in den öffentlichen Raum bringen und so niedrigschwellig zur Diskussion anregen. Darin steckt eine Einladung, solche Projekte auch andernorts zu wagen.

Das Angebot der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau 

7. Verschiedene Landeskirchen haben sich intensiv als Aussteller engagiert.

Oft wird die "Kleinstaaterei" des deutschen Protestantismus beklagt. In Wittenberg hat sich im Sommer 2017 gezeigt, wie alle an einem Strang ziehen können: Die Landeskirchen mit ihren Angeboten vom Erlebnisraum Taufe bis zum Segensroboter, von der innovativen Präsentation "Württemberg in Wittenberg" bis zu dem Treffpunkt in der Collegienstraße "Denkbar - Der Laden". Und auch die Fachbereiche wie beispielsweise die Seelsorge am Riesenrad.

 

Zuletzt: Die gesamt Stadt Wittenberg, in der Christen in der Minderheit sind, zeigte sich offen für den Diskurs. Dafür möchte ich hier und heute stellvertretend Superintendent Beuchel und Oberbürgermeister Zugehör danken, die aber ja beide auch selbst gleich noch zu Wort kommen. Unser Dank gilt aber auch dem Landkreis, dem Land Sachsen-Anhalt und dem Bund, die auf je eigene Weise die Weltausstellung intensiv unterstützt haben.

 

Mir ist klar, dass es auch kritische Punkte gibt, wie könnte es anders sein bei einem so großen Projekt. Wir werden sie sammeln und in die Auswertung einbeziehen, um für die Zukunft zu lernen. Aber insgesamt war die Weltausstellung Reformation für mich ein gelungenes Experiment.