erstellt von Margot Käßmann, r2017

Reformationssommer in Mexiko

Margot Käßmann, Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, reist derzeit durch Mittelamerika, knüpft Kontakte zu dortigen Kirchen und wirbt für das Reformationsjubiläum. Für r2017.org erreichte uns ein Bericht aus Mexiko. Obwohl die evangelische Kirche dort im Vergleich zur katholischen klein ist, bereitet ein überkonfessionelles Komitee unter dem Motto „500 años de la reforma“ Veranstaltungen vor, die nach den feinen Spuren fragen, die Protestanten in Mexiko hinterlassen haben. Den Auftakt des Gedenkens in der evangelisch-lutherischen Gemeinde deutscher Sprache dort war geprägt von dem Besuch Margot Käßmanns. 

 

Den Besuch der Botschafterin für das Reformationsjubiläum nehmen wir als Anlass, das Video aus den Bildern mit den ersten Sonnenaufgängen des Jubiläumsjahren zu veröffentlichen.

Gemeindebrief in Mexiko

Margot Käßmann Bericht aus Mexiko:

Präsident Trump ist in Mexiko überall präsent. Die Menschen haben Angst, wie es weitergehen soll. 2017 ist im Land als Deutschlandjahr ausgerufen, dabei ist auch Interesse am Reformationsjubiläum vorhanden. Sagt die Reformation etwas zum Umgang mit Macht, mit Korruption, mit Geflüchteten, zur Wirtschaft, wird gefragt. Interessant ist, dass immer wieder der Faktor Gewissen, den Luther stark gemacht hat, auftaucht. In einem Land, das massiv von Korruption durchsetzt ist und in dem die Angst vor Gewalt durch die Drogen- und Waffenkartelle sowie dem Menschenhandel groß ist, entsteht die Frage nach verantwortlichem Handeln noch einmal auf ganz eigene Weise. Wenn du weißt, dass du dein Auto nur wiederbekommst, wenn du zahlst, dann wirst du ganz schnell Teil der korrupten Gesellschaft, heißt es. Was machst du dann mit deinem Gewissen?

 

Es herrscht auch Angst vor weiterem wirtschaftlichem Abstieg in einem Land, in dem ohnehin schon viele sehr arm sind. 20 Millionen Mexikaner leben in den USA, geschätzt die Hälfte von ihnen illegal. Ihre Überweisungen nach Hause gelten nach dem Tourismus - wenn Drogen-, Waffen, und Menschenhandel ausgenommen sind - als zweitwichtigste Einkommensquelle im Land. Viele im Land sind bitterarm und darauf angewiesen. Nun will der US-Präsident Überweisungen nach Mexiko besteuern, um damit seine Mauer zu finanzieren. Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung droht er mit Ausweisung.

 

Zudem: Wird Trump das Nafta-Handelsabkommen aufkündigen? Schon zögern VW, BMW und Audi, weiter zu investieren, heißt es, weil die hier produzierten Autos ja exportiert werden sollen. Und dann die Menschen auf der Flucht. In Guadalajara, der zweitgrößten Stadt, titelte am Mittwoch die Tageszeitung: "Trumpeffekt - Flüchtlinge bleiben in der Stadt". Die Menschen sehen keinen Sinn mehr darin, den Weg fortzusetzen Richtung US-Grenze. Sie sind bereits einen langen Weg von Haiti, Nicaragua oder El Salvador gekommen und stecken jetzt fest, oft den Menschenhändlern hilflos ausgeliefert.

Vortrag vor dem Goethe-Institut in Mexico-City

 

An einem der Besuchtage besuchten wir vormittags in einer Flüchtlingsunterkunft, "Casa Mambré". Eine römisch-katholische Schwesterngemeinschaft "Misión Scalabriniana hat sie gegründet. Schwester Letitcia, die Leiterin, hat vor drei Jahren mit dieser Arbeit begonnen. Seit Oktober gibt es eigene, zunächst angemietete Räume, die sie hoffen erwerben zu können. Ihr Konzept ist sehr klar: Bis zu 70 Geflüchtete werden aufgenommen und intensiv begleitet inklusive medizinischer und psychologischer Betreuung, samt Rechtsberatung und Arbeitsvermittlung. Dabei gibt es energische Regeln. Wer sich daran nicht hält, muss gehen. Die Einrichtung stellt Unterkunft und Verpflegung, versucht, Menschen einen legalen Aufenthaltsstatus zu vermitteln und sie in Arbeit zu bringen. Unterstützt wird sie von Adveniat, Misereor und der deutschen lutherischen Gemeinde.

 

Die Sozialarbeiterin Andrea Zardoya erklärte, dass jedes Jahr 400 bis 500.000 Menschen versuchen, über Mexiko in die USA zu gelangen. Rund 9000 warten jeweils in Tijuana. Das System ist kompliziert. Es gibt ein Recht, in den USA Asyl zu beantragen. Das Verfahren dauert aber lange. Bis entschieden wird, ist das Visum in Mexiko meist abgelaufen. Zur Erteilung eines neuen Visums dort kann das Verfahren ein Jahr dauern. So warten Menschen jahrelang.

 

Neu ist, dass Flüchtlinge aus Sierra Leone, Afghanistan, Syrien und dem Kongo kommen. Grund ist vor allem, dass die Flucht nach Europa so schwierig geworden ist. Einige kommen auch aus Brasilien, wo sie als Arbeiter für die Baustellen der Fußballweltmeisterschaft angeheuert waren und hofften, Zukunft zu finden. Die Situation in Brasilien aber hat sich dramatisch verschlechtert, sodass sie versuchen, in die USA zu gelangen. Ein junger Mann spricht mich auf französisch an, fragt woher ich komme. Als ich sage, aus Deutschland, sagt er, dass er Deutschland liebe, vor allem den FC Bayern und Thomas Müller...

 

Durch diese neuen Zuwanderer entsteht ein Sprachproblem, das früher unbekannt war, als alle Geflüchteten aus Lateinamerika kamen. Und es entsteht ein Religionsproblem, weil Muslime hier vorher nicht unter den Ankommenden waren. Mit großem Respekt sehe ich, wie die Schwestern damit umgehen, jeden aufnehmen, solange er oder sie die Gemeinschaft wertschätzen. Vor jeder Mahlzeit wird gebetet - wie und zu wem ist freie Entscheidung.

 

Ein Problem sei, dass die Lage der Geflüchteten aus Indiras, Haiti, Ecuador etc. In Mexiko selbst so schwer zu thematisieren ist. Die Menschen wahrzunehmen mit ihrem persönlichen Schicksal, das sei wichtig. Das erinnert mich sehr an Diskussionen in Deutschland. Trumps Mauerpläne entmutigten viele, heißt es. Wie soll es weiter gehen?

 

Reformation heißt, die Welt hinterfragen. In Mexiko gibt es viele Fragen und die Hoffnung, im Glauben Halt und Zuversicht, aber auch Mut zu finden, ist groß.